1995-1998 Das Unsichtbare Sichtbar machen

 

Als Elias Canetti 1974 das Buch „Der Ohrenzeuge“ [1] veröffentlichen ließ, läßt es sich nur vage vermuten, daß er jemals an eine räumliche Interpretation dieser Charaktere gedacht hat. Obwohl Canetti kritische Gedanken zur zeitgenössischen Architektur formulierte, bleibt ebenso immer offen, ob er das Risiko und die Möglichkeit digitaler, oder wie es heute heißt, virtueller Architekturen in seinen Überlegungen eingeschlossen hat. In den zurückliegenden drei Jahren haben Studenten der Architektur versucht, eine digital-räumliche Interpretation der wundervoll beschriebenen Charaktere, der Sehnsüchte und Ängste menschlicher Individuen vorzunehmen. Hierbei war einmal nicht entscheidend, Räume und Strukturen zu schaffen, die sich mit traditioneller Architektur vergleichen lassen. Im spielerischen Umgang mit Software, die für Modellierung und Visualisierung entwickelt wurde, entwickelten vielmehr die Bearbeiter eine Vorstellung, wie sich diese Charaktere im Unendlichen des digitalen Raumes ausdrücken würden. Keine baukonstruktiven Details waren nötig, sondern die architektonische Formgebung als Ausdruck menschlicher Identität.

Die Charaktere sind durch mehrstündige digitale Architekturanimationen [2], zahlreiche Diskussionen und eben die in diesem Buch dokumentierten Poster beschrieben. Das Buch ist aber keine bloße Dokumentation der Umsetzung, kein Bilderbuch grafischer Spielereien. Es ist vielmehr Anstoß, eine immaterielle Form der Architektur zu diskutieren. Bedingt durch die Aufgabenstellung, das Ergebnis im digitalen Abbild der Stadt Weimar einzuordnen, wurde diese Fragestellung in Form eines anregenden Kontrastes nur noch größer. Die Vielfalt der vorgelegten Antworten wirft zum einen die starke Hinwendung zu bekannten Architekturformen, zum anderen (und dies als Tendenz) das völlige Ignorieren sonst so fest gefügter Strukturen.

Die Bilder dienen nicht dem Selbstzweck, sondern sollen als ein Schritt zur Identitätsfindung der zukünftigen Architektur, sowie der Gestaltung digitaler Räume verstanden werden. Erschreckend? Eher nicht, vielmehr ein Abbild heutiger gesellschaftlicher Strukturen, wie es schon immer Aufgabe der Architektur sein sollte.

Weimar, im Mai 1998
Dirk Donath

Webadresse:

http://infar.architektur.uni-weimar.de/alte_webseite_1/lehre/Entwurf/can...

Leitung des Forschungsprojektes

Prof. Dr.-Ing. Dirk Donath

Beteiligte Wissenschaftler

Semesterbegleitender Entwurf
nach 'Der Ohrenzeuge'
von Elias Canetti

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