2013 | Provokation Äthiopien

 

Prof. Dr. Dirk Donath von der Fakultät Architektur berichtet von seinem mehrjährigen Aufenthalt an der Addis Abeba University in Äthiopien. Er arbeitet und lebt seit 2008 in Äthiopien. Als Lehrstuhlinhaber für „Baukonstruktion und Entwerfen“ am Architekturinstitut der Addis Ababa University arbeitet er an der Entwicklung von Alternativen für Gebäudetypen und Konstruktionsweisen für angepaßtes Wohnen und Arbeiten unter äthiopischen Bedingungen. 

Gleichzeitig entstanden neue Ausbildungsprogramme für Architekten und Stadtplaner. 

 

(*) Der Artikel ist eine Überarbeitung der Veröffentlichung von 2011 mit Stand Juli 2013.

I. Prognosen und Tatsachen

 

Äthiopien hat 80 Millionen Einwohner und ein Territorium dreimal so groß wie Deutschland. Wenn die Prognosen der vereinten Nationen eintreffen, wird in 15 Jahren Äthiopien um 45 Millionen Menschen anwachsen, das ist das größte Bevölkerungswachstum weltweit. Zugleich ist Äthiopien eines der ärmsten Länder der Welt. Allein in der Hauptstadt Addis Abeba leben heute 4 Millionen Menschen, im Jahr 2025 leben dort etwa 8 Millionen Menschen. Im gleichen Zeitraum entstehen im Land über 100 neue Städte mit mehr als 200 000 Einwohnern. Allein diese nüchternen Zahlen zeigen die ungeheure Herausforderung, die für die Architekten, Stadtplaner und Ingenieure ansteht. Fragen der menschenwürdigen Wohnmöglichkeiten, der Sicherheit, der sozialen Interaktion, Ökonomie und Ökologie sind zu beantworten. Bis heute haben 80% der Bevölkerung von Addis Abeba keinen Zugang zu Wasser und Strom. Allein das staatlich initiierte Wohnplanprogramm für Addis Abeba beabsichtigt den Bau von 200 000 Wohneinheiten in den nächsten fünf Jahren. Notwendig sind aus Schätzungen heraus 500 00 Wohneinheiten, um den dringlichsten Bedarf zu decken. Hierbei ist nicht das Anwachsen der Stadt durch Zuzug und das Bevölkerungswachstum von 8% berücksichtigt.

Inwieweit die so oft beschworenen „völlig neuen Methoden der Bauproduktion, der angemessene Architekturgestalt und alternative energetische Konzepte“ wirklich die erfolgversprechenden Prämissen für das Bauen in Äthiopien sind, ist offen. Die Vergangenheit hat gezeigt, daß zahllose Versuche von ausländischen Initiatoren oder einheimischen Visionären gescheitert sind.

Die Situation in Äthiopien zwingt zum völligen Umdenken. Einfaches kopieren von architektonischen Vorstellungen aus westlichen Ländern oder arabische Experimente sind in einem Land, wo z.B. nahezu alle modernen Baumaterialien importiert werden müssen nicht möglich. Die Berücksichtigung kultureller Besonderheiten, einheimischer Materialien und Bautechniken unter gleichzeitiger Realisierung einer extrem großen Anzahl von Gebäuden ist unabdingbar.

 

II. Ausbildung heißt die Zukunft zu gestalten.

 

Unter Einbeziehung aller Disziplinen am Bau, wird es eine Chance geben, der Situation angemessene Lösungen zu entwickeln. Stadtentwicklung und Architektur erfordern ein ineinandergreifendes Denken der verschiedenen Disziplinen wie Entwurf, Baukonstruktion und- Technologie und Stadtinfrastruktur, wie es das Bauhaus schon 1923 im seinem Manifest gefordert hat. Die Bau- und Infrastruktur des Landes ist als reales Experiment aufzufassen, wo die Ergebnisse unsere gesamte globale Welt beeinflussen werden.

Als der „Negusa Nagast“, der König der Könige Haile Selassie I., im Jahr 1950 die erste Universität in Äthiopien eröffnete, wollte er ein Zeichen setzen für die Öffnung des Landes, für den Anschluß an internationale Ausbildungsstandards, für die akademische Zukunft dieses bis dahin so verschlossenen und schwer zugänglichen Landes im Osten Afrikas. Heute studieren allein in Addis Abeba über hunderttausend Studenten an acht verschiedenen Fakultäten. In den letzten 4 Jahren sind durch ein Abkommen zwischen Äthiopien und Deutschland zwölf weiter Universitäten für 170 000 Studenten hinzu gekommen. In der zweitgrößten Stadt des Landes Adama geht eine junge Universität unter Leitung eines deutschen Rektors beachtliche Schritte der grundlegenden Reform der Ausbildung und Universitätsstruktur. Zahlreiche staatliche und private Schulen bieten seit einigen Jahren eine akademische Ausbildung an. Trotz dieser Statistik hat Äthiopien bis heute die weltweit geringste Zahl an akademischen Ausbildungsplätzen, besonders oder gerade auf dem Gebiet der Architektur und Stadtplanung. Die Universitäten sind mit der Eröffnung überfüllt. Die Lehrenden in der Architektur und Stadtplanung werden von den gerade fertiggewordenen Absolventen rekrutiert (im Land, nicht in Addis). Das anzutreffende Niveau ist -vorsichtig formuliert- bescheiden. Dabei sind nicht die Umstände in den Universitäten allein ausschlaggebend. Die Studenten haben eine schulische Ausbildung von schlechtbezahlten Lehrern in Klassen bis zu hundert Schülern bekommen. Kulturelle und landesspezifische Besonderheiten (das Land hat über 80 Ethnien) spielen eine große Rolle.

Niemals befand sich in der Geschichte Äthiopiens das Land unter kolonialer Herrschaft. Die Menschen sind sehr selbstbewußt und blicken auf eine an Kriegen und Eroberungen reichhaltige Geschichte zurück. Demzufolge verspürt der in Äthiopien arbeitende Experte oftmals Gleichgültigkeit, die bis zur taktvollen Ignoranz geht. Unter diesen Umständen Reformen umzusetzen, neue experimentelle Wege zu gehen und unmittelbar an der Entwicklung des Landes mitzuwirken ist nicht einfach. Einzig durch überzeugende Beispiele, in der Ausbildung und durch beispielgebende Projekte lassen sich hier grundlegende Barrieren überwinden.

Die Äthiopier sind ein sehr stolzes Volk. Wenn in Europa eine Ausbildung zum Mediziner etwa 9 Jahre dauert, so nehmen die Einheimischen immer noch an, daß dann für sie 5 Jahre ausreichend sind; dies ist nicht nur aus dem Bedarf an medizinischem Personal abgeleitet. Die Unterrichtssprache ist Englisch, und wird von den Studenten wie Lehrenden in der Regel unerwartet gut kommuniziert.

Diese sachliche Beschreibung der Umstände an den Universitäten im Land (Addis Ababa nimmt da eine Sonderstellung ein) steht im Gegensatz zu den anstehenden Aufgaben, die das Land zu bewältigen hat. Der weltweit größte Bevölkerungswachstum, der damit einhergehenden Bedarf an neuen Städten einschließlich der Infrastruktur, den Gebäuden erfordert qualifiziert ausgebildete Architekten, Stadtplaner und Ingenieure. Es bedarf angepaßter Bauweisen, neuer Materialien und realistischer Stadtbau- und Architekturkonzepten. Dies in einer Größenordnung, wie es in der westlichen Welt längst nicht mehr nötig oder gar vorstellbar ist. 
In diesem Zusammenhang wurde 2005 ein engagiertes deutsch- äthiopisches Regierungsabkommen verabschiedet ecbp (engineering capacity building program). Dieses Programm beinhaltet neben der universitären Reform die Berufsschulausbildung, die Förderung privater Unternehmen und die Standard- wie Qualitätssicherung beinhaltet (siehe www.ecbp.biz). Zur Zeit sucht der DAAD weitere Experten für die 12 neuen Universitäten (siehe www.daad.de).

Im Rahmen dieser großangelegten Reform wurde im Februar 2010 aus der Fakultät Technologie der Addis Abeba Universität ein eigenständiges Institut gegründet: das EiABC: Ethiopian Institut for Architecture, Building Construction and City Development. Das Institut ist Teil der Addis Abeba University mit einer völlig selbständigen Administration und operativen Entscheidungsfreiheit. Hiermit verbindet sich die Hoffnung einer Muster –und Beispiellösung für das Land, die Ausbildung und Forschung zu reformieren und sich an internationalen Standards zu orientieren. Eine entscheidende Rolle in der zukünftigen Gestaltung des Bauens in Äthiopien einzunehmen, ist das erklärte Ziel des Institutes. Das Institut steht als Initial für alle weiteren Universitäten im Land, qualifizierte Lehrkräfte und entsprechend ausgebildete Studenten und Forscher zu etablieren. Die Zusammenarbeit mit der Industrie und der staatlichen Bauverwaltung ist hierbei ein wesentlicher Schwerpunkt. Die Studienschwerpunkte und –richtungen sind Architektur, Baumanagement, Stadtplanung und Umweltplanung für Bachelor, Master und Doktorandenausbildung (siehe: www.eiabc.edu.et)

Am Institut arbeiten deutsche Hochschullehrer, die über einen Vertrag mit dem DAAD diese Entwicklung zusammen mit äthiopischen Lehrenden umsetzen. In den letzten Jahren sind grundlegende strukturelle und inhaltliche Änderungen sichtbar: fünf Kompetenz-Zentren vereinen 24 Lehrstühle, die studienübergreifend Ausbildung und interdisziplinäre Forschung anbieten.

Eine weitreichende Partnerschaft des EiABC zur Bauhaus-Universität Weimar ist seit Sommer 2011 vertraglich und inhaltlich definiert. Bestandteil dieses Vertrages sind Studentenaustausch, Gastdozenturen und gemeinsame Projekte zu aktuellen Fragen in der Architektur und Stadtplanung:  Studenten und Wissenschaftler der Bauhaus Universität und des EiABC arbeiten an Projekten und der Vertiefung des akademischen Austausches und bringen gemeinsam erarbeitete Vorschläge für städtische und vor allem baukonstruktive Alternativen ein. Die GiZ hat diese Kooperation als ein Pilotprojekt eingestuft und unterstützt dies finanziell seit 2010. Seit 2012 gehen beide Institutionen den nächsten Schritt: ein gemeinsames Institut für Experimentelles Bauen, wo Master und PhD Studenten an der realen Umsetzung und Erprobung von Forschungsergebnissen arbeiten werden (siehe unten).

 

 

III. Versuche, Projekte, Hoffnung

 

Die GTZ-IS, ein Unternehmen der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), staatlich für die deutsche Entwicklungshilfe beauftragt und seit Jahren mit der Planung und Umsetzung von großen Bauaufgaben in Äthiopien beschäftigt. Allein in den letzten zehn Jahren betreute die GiZ-IS den Bau von 12 Universitäten, 550 Hospitale und etwa 15.000 Wohnungen für sozial benachteiligte Bewohner in Äthiopien. Die Bedingungen können nicht als ideal bezeichnet werden: administrative Schwierigkeiten, der politische Druck einer Entwicklungszusammenarbeit an sich, der Mangel an Material und Fachkräften, widrige Standort- und Verkehrsbedingungen sind nur die vordergründigen Probleme, die solche Projekte permanent begleiten.

Unter diesen Umständen und Größenordnungen konnten bislang nur bekannte oder in der westlichen Welt bewährte Architekturen oder Stadtkonzepte realisiert werden, die zudem durch die staatlichen Stellen eingefordert wurden. Es erfolgte gewissermaßen ein 1: 1 Transfer westlicher Technologien und Materialien. Das Resultat liegt auf der Hand: extreme Mängel in der Bauqualität (nur einheimische Firmen sind an der Realisierung beteiligt), kaum kulturelle Akzeptanz (die Gebäude können auch in Recklinghausen stehen), keine Nachhaltigkeit oder gar ökologische Aspekte fanden Eingang in die Projekte. Wie Eingangs schon beschrieben müssen entscheidende Änderungen eintreten um der Realität in Äthiopien gerecht zu werden: flexiblere Bauweise, lokale Materialien, einfache Technik vor Ort, bewährte Infrastruktursysteme und lokale urbane Konzepte sind zu berücksichtigen. Genau hier setzt das Architekturinstitut EiABC in seinen Arbeiten an.

Durch aufmerksames Beobachten, das Vertiefen in die Kultur und lokalen Besonderheiten lassen sich schon viele offene Fragen beantworten. Zwei staatlich großzügig geförderte Forschungsprojekte und zahlreiche Drittmittel wie Realisierungsprojekte auf dem Gebiet der Stadtplanung, der Architektur und Baukonstruktion beinhalten die angemessene Ansätze und die oftmals ernüchternde Umsetzung. Im folgenden einige Beispiele, an denen der Autor zusammen mit einheimischen Kollegen am Lehrstuhl in Addis Abeba arbeitet.

 




House Matrix: (2010-2011)
flexible Grundriß Lösungen auf der Basis von vordefinierten Einheiten

 

Die Vorfertigung bzw. Modularisierung von Bauelementen ist in Äthiopien völlig unbekannt bzw. im baulichen Gesamtvolumen nahezu unbedeutend. Ausgangspunkt für die modulare Planungssystem ist ein Grundmodul von 1,25m x 1,25m, wo analog der Bauelemente Methode für die Kostenschätzung alle konstruktiven und technischen Parameter vordefiniert sind (Fundament…Dach). Diese lassen sich zu Standard- aber auch individuellen Gebäuden zusammenfügen, um sehr schnell und flexibel auf die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten und Entwurfsprämissen reagieren zu können.

Ergebnis ist eine Matrix bzw. Katalog von Gebäuden, wo die resultierenden Gebäude weitestgehend in den technischen, zeitlichen und finanziellen Parametern beschrieben sind. Materialien und Konstruktionssysteme sind am Beginn offen, einige Standards und Details sind in den Katalogen zur Baukonstruktion und Ausstattung eingepflegt. Eine

Parallel arbeitet der Lehrstuhl Baukonstruktion an der Adaptierung westlicher Standards und Technologien für die äthiopische Baupraxis. Hierfür entwickelt der Lehrstuhl unter anderem Anschlußdetails für einfache, vorgefertigte Elemente für Decken, Wände und Dächer, mit denen sich die Idee der Modularisierung von Gebäude umsetzen läßt. Die Richtung geht in Leichtbauelemente mit robusten Verbindungstechniken. Wenn es in Deutschland Wände aus Leichtmetallrahmen sind, so sind es in Äthiopien Trennwandsysteme aus stark verpreßten Pflanzenresten (siehe www.agrowall.et). Der Lehrstuhl arbeitet mit einem deutschen Unternehmen zusammen, die Wandelemente aus recycle baren Materialien herstellen. Das Forschungsprojekt richtet sich an äthiopische Bauunternehmen, die modulare Bauten in ihrem Angebot aufnehmen wollen.

 





Model Compound: drei Haustypen – drei Bautechniken (2010)

 

Die GTZ-IS ist seit 2004 am sogenannten „Grand Housing Program“ für Addis Abeba beteiligt und baute etwa 500 Häuser in fünfgeschossiger Bauweise als Stahlbetonskelett mit Betonsteinausfachung. Dieses Projekt ist gekennzeichnet durch hohen Landverbrauch, starre urbane Konzepte, fehlende soziale Strukturierung, westliche Wohnformen, Voraussetzung an internationalem Fachwissen und importierten Baumaterialien. Die Gründe dafür liegen nicht bei der GTZ-IS, die sich seit Jahren mit Alternativen beschäftigt. In dem Zusammenhang ist der Lehrstuhl Baukonstruktion Kooperationspartner der GTZ-IS in Addis Abeba.

Das Ergebnis sind drei Flexible Haustypen in ein- und zweigeschossiger Bauweise, die für drei verschiedene Bausysteme bzw. ~ weisen geeignet sind. Die Modularisierung und Katalogisierung von Bauteilen und Baudetails bildete die Basis der Überlegungen.

Drei verschieden Bauweisen wurden untersucht und verglichen: vorgefertigte Elemente aus Leichtbeton mit alternativer Bewehrung aus Bambus und Mauerwerk aus gepreßten Lehmziegeln. Die entwickelten Haustypen zeichnen sich durch Flexibilität in der Anordnung, geringe Spannweite und offene Grundriß Lösungen aus. Im Vordergrund standen die Kosten und die traditionelle Lebensform.

Parallel dazu entstanden gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Stadtplanung sozial verträgliche Siedlungsstrukturen, die hinsichtlich Identifikation und sozialer Gemeinschaft der lokalen Gegebenheit entsprechen. Sie sind stark modifizierbar, können örtlich angepaßt werden und sind mit nachhaltigen und autarken Ver- und Entsorgungssystemen ausgestattet. An der Arbeit war eine Praktikantin der GTZ-IS von der Fakultät Architektur maßgeblich beteiligt (Nicole Baron).

Die GTZ-IS plant die Ergebnisse als Alternative für kleinere Bauunternehmen in Äthiopien anzubieten und hierfür die Koordinierung und Baubegleitung zu übernehmen. Am Lehrstuhl wird das Projekt in Form einer weitergehenden Forschung fortgesetzt. Das ecbp finanziert über zwei Jahre diese Arbeit zu Alternativen zum aktuellen westlich orientierten Wohnungsbauprogramm des äthiopischen Staates.

 





 

UNHCR – Experimente für Refugee Shelter in der Somalia Region (2010)

Gewölbe und Bauten aus mit Sand gefüllten Nahrungsmittelsäcken in Flüchtlingslagern

 

Im Zusammenhang mit den Hungerkatastrophen in Ostafrika beauftragte die UNHCR das EiABC Konzepte zu semi-permanenten Unterkünften in Flüchtlingslagern zu entwickeln. Für die Somalia Region in Äthiopien experimentierte der Lehrstuhl Baukonstruktion mit dem dort in großer Zahl verfügbaren Plastiksäcken, die zu tausenden mit den Nahrungsmittellieferungen täglich in die Camps kommen. Gefüllt mit Sand erscheinen sie ein ideales Baumaterial: kompakt, formbar, stapelbar und für die heißen Wüstenregionen im Süden des Landes klimatisch hervorragend.

Der Anspruch bestand in einer noch nie realisierten Konstruktion: mit keilförmig geformten Sandsäcken ein Gewölbe zu errichten. Das Experiment (und Resultat) ist klassisches Beispiel für die experimentelle Forschung: in zahlreichen Versuchen konnten die Grenzen (und das Versagen unter realen Bedingungen) nachgewiesen werden. durch das lose Filmmaterial und die wechselhaften Bedingungen vor Ort ist ein ideales Gewölbe (wo die Kraftlinie auch in der Gewölbewand bleibt) nicht zu errichten. Dagegen lassen sich andere Konstruktionen aus Sandsäcken leicht vor Ort realisieren.

 



Vernacular Architecture (2009-2011)

- Traditionelle Hauskonstruktionen im ländlichen Raum - Lernen aus der Vergangenheit.

 

Das Land Äthiopien, dreimal größer als Deutschland, mit einer über dreitausend Jahre alten Kultur besitzt eine vielfältige Bautradition. Wie in allen Kulturen der „nicht westlichen“ Welt ist die Tendenz des Ignorierens, Vergessens und Zerstören dieses Potentials vorhanden. In dem vom äthiopischen Staat geförderten Projekt geht es um das Bewahren der Bautradition, das Dokumentieren und Systematisieren dieser alten, unbewußten Bautechniken. Hier weniger um die kulturelle Seite, sondern vielmehr um das Aufzeigen klassischer und über Jahrhunderte bewährter Baukonstruktionen, die immer ohne Architekt errichtet wurden. In der zweiten Phase kommen angemessene Verbesserungen der Baudetails hinzu. Die dritte Phase in diesem Projekt beinhaltet den Entwurf von ländlichen Gebäuden, die der kulturellen Identität entsprechen und zugleich Materialien, Techniken und Standards unserer heutigen Zeit berücksichtigen.

 

Experimentelle Bauten (2012-2015)
- für Alternativen im Sozialen Wohnungsbau in Äthiopien

 

 

 

Ein dreijähriges Projekt „Entwurf - Detaillierung - Realisierung“ ist eine internationale Kooperation mit dem EiABC und der südsudanesischen Universität in Juba. Es beinhaltet die Forschung und Entwicklung zu alternativen Baukonstruktionen und parallel gemeinschaftlich betreute studentische Kurse an den Partnerinstitutionen. Schwerpunkt ist eine die kritische Überprüfung der theoretischen Ergebnisse durch eine praktische Umsetzung im Maßstab 1:1. Das Projekt ist geprägt durch Transfer und die Umsetzung von Forschungsergebnissen der Bauhaus Universität in eine praxisorientierte Ausbildung zu Kosten- und ressourceneffizientem Bauen in Afrika und die Umsetzung von neuen Technologien im lokalen Kontext. Dazu tauschen Wissenschaftliche Mitarbeiter aus den drei Institutionen für mehrere Monate ihre Arbeitsorte: äthiopische und südsudanesische Mitarbeiter lehren und forschen an der Bauhaus Universität, deutsche Forscher unterrichten und lehren in Addis Abeba am EiABC.

Dem experimentellen Bauen vor Ort gehen Kurse über zwei Semester voraus. Sie behandeln die Schwerpunkte
1: ∞ Theorie: Reflektion der sozialen Verhältnisse und Erarbeitung eines Entwurfskonzeptes
1:10 Test: Umsetzung in Simulationsmodelle (BIM, Rapid-Prototyping), Durchführung von Tests
1:1 Umsetzung: Realisierung eines ausgewählten Konzeptes

Für die Realisierung der drei experimentellen Bauten (2012 - SECU / 2013 - SICU / 2014 - SOFU) steht jeweils ein anderer Schwerpunkt (Material, Bauprozeß, Entwurf) im Vordergrund. Das Projekt bietet den Rahmen für die Stärkung der Kompetenz der Bauhaus-Universität hinsichtlich Praxisorientierung und interdisziplinärer Forschung.
Im Ergebnis entstehen drei experimentelle Prototypen im Maßstab 1: 1 die sich an den Bedürfnissen der afrikanischen Ländern orientieren. Im Jahr 2012 entstand dazu ein zweigeschossiges Stroh-Haus (SECU) unter materialorientierten Vorgaben; Im Jahr 2013 ein zweigeschossiger Experimentalbau zum Weiterbauen (SICU) in den innerstädtischen SLUMS von Addis Abeba unter Bauprozess- und Vorfertigungsorientierten Vorgaben. 2014 wird ein Haus mit optimiertem Verfahren der digital gestützten Tragwerksfertigung gebaut.
Das BMBF fördert das Projekt im Rahmen des DAAD Programmes „welcome to africa“ seit 2012. Das Projekt bietet den Rahmen für die Stärkung der Kompetenz der Bauhaus Universität hinsichtlich Praxisorientierung und interdisziplinärer Forschung.

 

 

 

SECU – Sustainable Emerging City Unit(2012)

modulare Gebäude für schnell wachsende städtische Siedlungen

 

 

2012 entstand auf dem Campus des EiABC ein Prototyp zu einem modular aufgebauten, zweigeschossigen Gebäude, das speziell für die Bedürfnisse schnell wachsender Städte konzipiert ist. Hier stand der Einsatz von neuartigen Baumaterialien im Vordergrund. Die Situation in Äthiopien wie Bevölkerungswachstum, hohe Urbanisierungsdruck undPreisinflation für klassische (und importierte) Baumaterialien macht die Suche nach alternativen Materialien unumgänglich. Der Prototyp SECU besteht aus modularisierten undvorgefertigten Bauelementen und das Konzept geht aus dem Bemühen um angemessene Baumaterialien und Bautechniken hervor.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das EiABC finanzierten 2012 die Arbeit zu dem Experimentalbau SECU - Sustainable Emerging City Unit. Es besteht ausschließlich aus einem in Äthiopien ungewöhnlichen Baumaterial: aus hoch fest gepressten Strohplatten. Im Gegensatz zu Holz ist es als Abfallprodukt der Landwirtschaft in ausreichender Menge in Äthiopien vorhanden. Die Strohplatten für das SECU Projekt wurden noch in Deutschland hergestellt, Planungen für eine örtliche Produktionsanlage bestehen. Der Hersteller ‚strawtec‘ in Berlin unterstützte dieses Projekt mit einer umfangreichen technischen Beratung und Preisnachlässen für das im Container nach Addis Abeba versendete Material. Das Stroh wird als Endlosstrang industriell unter Druck und mit hohen Temperaturen verpreßt, um die Stärke in den Halmen als natürlichen Kleber zu aktivieren. Anschließend wird der Strohwerkstoff standardmäßig mit einer recycelten Kartonage kaschiert. Es entsteht eine mechanisch hochbelastbare Platte, die ähnlich wie Holz, bearbeitet werden kann. Im Bauen kommen bislang die Platten für den Innenausbau und die Akustikverkleidung zur Anwendung. Mit der vorgeschlagenen Bauweise wird nun die Leistungsfähigkeit der Strohplatten als tragende Elemente eingeführt. Hinzu kommt lediglich eine wetterabweisende Verkleidung, wo verschiedene Schindeln und Anstriche zum Einsatz kamen. In nur drei Monaten errichteten Studierende aus Addis Ababa, Weimar und der ETH Zürich das komplette Haus einschließlich aller Ausbauarbeiten.

Den kulturellen Besonderheiten wurde mit einer offenen und flexiblen Grundrißtypologie und leicht erweiterbaren Bauweise gerecht. Zuvor theoretisch formulierte Prinzipien derartiger Bauten wurden hier umgesetzt. Ausgangspunkt bildete die zuvor beschriebene modulare Entwurfsmatrix für flexible Gebäudetypologien. Diese Typologie ist entsprechend der Erfordernisse an einfache, erweiterbare Bauten entwickelt. Ein überdachter und geschützter Außenraum hat ähnliche Wohn- und Aufenthaltsqualitäten wie ein mit Wänden umschlossener Raum. Das drückt sich in den Grundrissen aus: Kernräume sind von großflächigen überdachten Bereichen umgeben. Die Treppe bildet einen halböffentlichen Bereich zur Straße.

Zunächst wurde an den technischen und logistischen Details gearbeitet. Im Anschluß fanden experimentelle Versuche zur Belastbarkeit statt. Im April 2012 arbeiten Studenten der Bauhaus Universität, des EiABC und der ETH Zürich an der Realisierung des Prototyps auf dem Gelände des Institutes. Insgesamt betrug die Bauzeit 3 Monate. Im Anschluß daran kamen die äthiopischen Studenten an die Bauhaus Universität und arbeiteten zusammen mit den deutschen Studenten in einem Workshop mit demselben Material; aber mit anderen Bautechniken und kulturellen Hintergrund.

Das Gebäude ist heute Gästehaus des EiABC und hat sich über einige Regenzeiten bislang sehr gut bewährt.

 





SICU - Sustainable Incremental Construction Unit (2013)

 

 

Die Forschungen zur Optimierung von Bauprozessen durch Vorfertigung und Standardisierung und das Bauen in sozial schwachen Wohngebieten wurden 2012-2013 mit einem weiteren Experimentalbau SICU - Sustainable Incremental Construction Unit fortgesetzt.

Ziel ist es dabei, das Potential von einkommensschwachen Bevölkerungsschichten in den informellen Siedlungen von Addis Ababa einzubeziehen, ihnen angemessenen Wohnraum zu ermöglichen und gleichzeitig eine urbane Verdichtung zu erreichen.

Die zweigeschossige Konstruktion ist sehr einfach gestaltet und bedient sich optimierter örtlich üblicher Techniken: sie besteht im Erdgeschoß aus kombinierbaren, tragbaren Betonfertigteilen und im Obergeschoß aus vorgefertigten Leichtbaudecken und Außenwänden als Holzrahmenkonstruktion. Nur die Tragkonstruktion und die Ver- und Entsorgung wird in einem logistisch klar strukturierten Vorfertigungs- und Bauprozeß errichtet. Ausschließlich vorgefertigte Bauelemente kommen für die Hauptkonstruktion zum Einsatz.

Der Bauprozeß ist durch eine modulare Bauweise bestimmt, wo komplexe Bauabläufe so vereinfacht wurden, daß die Bewohner es selbst errichten können. Der Ausbau und die Einrichtung erfolgt durch die Bewohner entsprechend ihrer Möglichkeiten selbst, je nach finanziellen Mitteln und Raumbedarf. Auch dazu wurden verschiedene modulare Ausbauelemente als Anregung entwickelt, um eine entsprechende Vervielfältigung und Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten zu ermöglichen.

 

In nur zehn Tagen errichteten die äthiopischen Studierenden alle wesentlichen Bauteile für die Tragstruktur auf dem Universitätscampus in Addis Abeba. Nach umfangreichen Tests und ständigen Verbesserungen wird im Herbst 2013 ein weiterer SICU-Prototyp in einer informellen Siedlung im Stadtteil Lideta von Addis Abeba errichtet. Der Schwerpunkt liegt auf maximaler Vorfertigung und Qualitätssicherung unter Einbeziehung der lokalen Bautechniken und Fähigkeiten der einkommensschwachen Bevölkerung. Zusammen mit den Bewohnern werden vorgefertigte Bauteile in kleinen Einheiten hergestellt und vor Ort montiert. Hierzu fanden in den vorangegangenen Monaten Workshops, Entwurfsseminare und praktische Experimente statt.

Die Konstruktion wird nicht völlig fertiggestellt (incremental): die gemeinsam  erstellte Tragkonstruktion und einige wesentliche Ausbauelemente sollen Anregung und Ausgangspunkt sein, daß die Bewohner eigene Arbeiten einbringen und die Chance haben, ihr Gebäude schrittweise entsprechend ihrer Möglichkeiten auszubauen. Durch die Erarbeitung von Finanzplänen für kleine Unternehmen, die die Vorfertigung übernahmen, ist die Chance gegeben, dieses Konzept einer größeren Umsetzung zuzuführen. Die verantwortliche Stadtverwaltung hat bereits klare Vorstellungen, diese Bauweise in großer Stückzahl zu implementieren.

 





Institut für Experimentelles Bauen (2014-2020)

- die Bauhaus Universität in Addis Abeba

 

Das 21. Jahrhundert wird ein Afrikanisches Jahrhundert sagte ein führender Geschäftsmann in Addis Ababa. Mit einer sehr jungen und schnellwachsenden

Bevölkerung, mit großen sozialen und ökonomischen Aufgaben, unentdeckten

Ressourcen und einer enorm wachsenden Wirtschaft ist Afrika die vielleicht letzte Herausforderung an die Globalisierung dieser Welt.

Diese Herausforderung hat auch die Bauhaus Universität Weimar aufgegriffen.   In Konsequenz dessen bereitet die Bauhaus Universität die Errichtung eines Institutes für Experimentelles Bauen am und mit dem EiABC in Addis Abeba vor. Das Weimarer Institut wurde im Sommer 2013 gegründet. Die behandelten fachlichen Schwerpunkte gehen zunächst von der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen aus, um dann – bei Erfolg – durch weitere Fachbereiche zu ergänzen. Das Institut soll an der Beantwortung der drängenden Fragen der Internationalisierung und globalen Entwicklung mitwirken.

 

 

Schlußbemerkung

 

Inzwischen sind viele der genannten und nicht genannten Projekte und Konzepte Realität. Inwieweit sie tragfähig sind und Zugang zu der äthiopischen Kultur und Bauindustrie finden, wird die Zukunft zeigen. Eine intensive Partnerschaft mit Fachleuten und Institutionen ist weiterhin notwendig. Die Bauhaus-Universität nimmt eine wichtige Rolle dabei ein.

So ist diese Beschreibung als Provokation an die Lehrenden und Studierenden des Bauhauses zu verstehen, sich zu beteiligen und damit auf Wege zu begeben, deren Verlauf ungewiß und ein Ende nicht sichtbar ist.

 

Addis Abeba im Juli 2013